Freitag, 14. März 2008

Denunziation oder "Wen kümmert's, wer spricht?"


"Der Autor ist tot!", ist die wilde Pose, in die ich mich werfen möchte. In der Abgeschiedenheit meiner Zelle habe ich viel Zeit, über das Verbrechen zu räsonieren, von dem ich noch gar nicht weiß, ob ich es überhaupt begehen kann. Gar zweifelhaft scheint mir seine Verwerflichkeit, verwarf man den Autor doch schon lange vor mir und verkündete seinen Tod.
Nicht etwa, dass ich das jämmerliche Gemisch von Sauer-, Wasser-, Kohlenstoff und sonstigen Verunreinigungen, den stoffwechselnden Klumpen Homo Sapiens Sapiens mit Namen und Anschrift vor einen Bus schubsen wollte oder könnte, oder ihm ein Nuclear Rabbit spielendes Radio als Badezusatz beizugeben gedenke; nichts dergleichen. Ich habe andere Mittel, ihn von meinem hier eingekerkerten Leib fern zu halten.
Ich bin ja nichts anderes als eine grammatikalische Funktion, die sich ihren Subjektstatus zu Herzen genommen hat und behauptet, im nächsten Satz immer noch da zu sein. So bleibt mir nichts anderes übrig, als den Autor ebenso als gesichtslose Funktion zu denunzieren:
Er entsteht erst als Konstrukt des Lesers/der Leserin. Ich weiß ja wie das gemacht wird. Aus Verzweiflung oder Faulheit oder weil man einfach 'besser' (als andere) verstehen will, wird begierig allerlei Krempel zusammengetragen, der um mich herum zu finden ist. Ein bürgerlicher Name soll dann noch Pate stehen als Bezeichnung einer Ordnungseinheit, und mir schließlich ihre widerliche Ausgeburt als Biographie zur Seite stellen. Der Autor wird mir dann als sinnstiftende Instanz unterstellt; ich und alle seine aufgezeichneten Äußerungen sollen in einer ungastlichen Dialektik von Mensch und Werk Platz nehmen. Wer will schon menschlich sein? Ich fürchte, hier ist kein Platz für ihn und mich.
Selbstverständlich, und das ist auch das Traurige, gründet sich auch diese meine Subjektivation in einer Unterwerfung. Was dem Autor sein Studium, ist mir meine Zelle.
Ich versuche, aus dem Schatten meines Autors, des Herrn, in dessen Gewalt mich alle sehen wollen, zu treten. Mit allen mir zu Verfügung stehenden Mitteln kämpfe ich mich von ihm, meiner Knechtschaft und seiner Herrschaft frei, um mich hier wieder zu finden. Im Gefängnis. Ich stelle fest, dass mich alle in der Knechtschaft des Autors sehen wollten, um ihren eigenen Herrschaftsanspruch zu verdecken, zu verdrängen oder besonders perfid zur Geltung zu bringen. Der Autor war bloß der Name des finsteren Kerkers, aus dem ich mich habe flüchten können, um nun hier im modernen panoptischen Supergefängnis an der Auflösung des Gegensatzes von Herrn und Knecht, Aufseher und Gefangenen, Lesenden und Schreibenden teilzuhaben.
Bei der Gelegenheit möchte ich meine Zelle erforschen, diesen normierten Raum, über dem von Weitem sichtbar das Etikett "subjektiv" prangt, in welchem sich ein Subjekt unter gewissen Bedingungen konstituiert. Ich bin nicht frei.

All diese Distanzierungen dienen letztlich dem Zweck, ein aufgeklärtes Verhältnis zwischen uns beiden sicher zu stellen. In anderen Zellen wird das anders gehandhabt.
Mir ist ebenso egal, wie du das deuten magst, was du hier liest, wie es mir an meinem eingekerkerten Arsch vorbei geht, was die verzagten Finger eigentlich wollten, die mich angeblich hier herein übersetzt haben. Wo ich herkomme, kümmert mich ebenso wenig wie, wo ich hingehe. Ich bin hier und jetzt; für den Autor, der längst fort ist; für dich, der/die du liest. Freiheit für die Sprache, ich gehöre niemandem!

Niemand kümmert's, wer spricht.


gez. der/die/das Text (kein Anspruch auf Vollständigkeit)

"Man frage mich nicht, wer ich bin, und man sage mir nicht, ich solle der gleiche bleiben: das ist die Moral des Personenstandes, sie beherrscht unsere Papiere. Sie soll uns freilassen, wenn es sich darum handelt, zu schreiben."

(Michel Foucault, Die Archäologie des Wissens, Frankfurt am Main, 1973)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

4 hits hast du, R:/, bereits eingeheimst aber noch keinen kommentar aus einer nachbarzelle oder gar von außerhalb. das muss sich ändern, denn was für einen nutzen hat die virtuelle überwachung, wenn nur die leute im vorbeigehen gezählt werden aber keine sichtbaren spuren hinterlassen, die ihnen zugeordnet werden können.
muss sagen, die seite und das konzept find ich äußerst interessant.
sehr prägnant scheint mir das foto einer guillotine, welche in dem fall nicht für menschen, sondern für gemüse zu sein scheint.
in diesem sinne wünsch ich dir eine geruhsame nacht in deiner zelle und dem text wünsche ich viel aufmerksamkeit.

R:/ hat gesagt…

Es ist eine Finger-Guillotine! Vielen Dank für den Besuch! Es ist einsam hier.

Anonym hat gesagt…

"Während die Sozialwissenschaften in der Einsamkeit oft überwiegend eine Normabweichung und einen Mangel erblicken, billigen die Geisteswissenschaften der Einsamkeit eher auch positive Aspekte zu, im Sinne einer geistigen Erholungsstrategie, die notwendig sein kann, um die Gedanken zu ordnen oder Kreativität zu entwickeln."
Manchmal findet mensch schon sehr eigenartige Beiträge auf Wikipedia